Die letzten Tage war ich auf einer Holocaust Konferenz in Wolgograd. Über die Stadt allgemein werde ich nicht mehr viel schreiben, da hat sich seit dem letzten Besuch nicht viel getan.
Mit mir sind außer einigen Mitarbeitern aus dem Holocaust Zentrum und meinem Chef auch einige Studenten aus Moskau und St. Petersburg angereist.
Auf der Konferenz sollte jeder, auch ich, ein Referat zum Thema Holocaust vorstellen. Ich hatte mir etwas im Schul-Stil vorgestellt, sprich vorher kurz auf Wikipedia surfen, ein bischen was zusammenschreiben und vortragen. Aber schon auf der Hinfahrt wurden meine Illusionen zerstört. Das Wissen der Studenten über Geschichte, Kunst oder Literatur war gigantisch; von ihrem jeweiligen Spezialgebiet will ich gar nicht reden. In Deutschland wird ein junger Mensch schräg angeschaut, wenn er über ein hohes Allgemeinwissen verfügt, dass nicht daraus besteht die Teilnehmer der letzten zehn DSDS Staffeln auswendig zu können. Hier hat Bildung, auch oder gerade bei jungen Menschen, einen höheren Stellenwert.
Die Referate auf der Konferenz waren alle sehr gut ausgearbeitet und haben einzelne Teilgebiete des Holocausts hervorgehoben, die man nicht so eben im Internet zusammen suchen kann, sondern die nur in einer gut sortierten Bibliothek oder einem Archiv zur Verfügung stehen. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich meine Rede, die ich auf der Konferenz, natürlich auf Russisch, halten musste, nicht erst im Zug angefangen zu schreiben. Aber der Deutschenbonus hat mich gerettet, die Patzer wurden mir verziehen und alle waren interessiert an meinem Thema.
Ich habe über Wilm Hosenfeld referiert. Er war im zweiten Weltkrieg in Warschau als Offizier der Wehrmacht stationiert und hat mehreren Juden und Polen das Leben gerettet. 1945 von Sowjettruppen aufgegriffen, ist er 1952 als gefangener Kriegsverbrecher in Stalingrad gestorben. Seine komplette Entwicklung vom Patrioten und Anhänger Hitlers zum Regimegegner lässt sich sehr gut anhand von Briefen und Tagebucheinträgen mit verfolgen.
Unser Ziel ist es seinen Status vom Kriegsverbrecher aufzuheben und ihn zu rehabilitieren. Die meisten übersetzten Dokumente, die dafür nötig sind liegen bei mir und ich werde mich mit anderen Organisationen in den nächsten Monaten um das Projekt kümmern. Kriegsverbrecher sind in Minsk registriert und somit ist der Bürokratie aufwand noch um ein vielfaches größer als in Russland.
Übrigens ist Wilm Hosenfeld der Offizier, der für den Film „Der Pianist“ Pate stand.
Richy, warum arbeitest du eigentlich in so einer Organisation? Ist es wirklich sinnvoll irgendwelche Denkmäler aufzustellen oder Gedenkaktionen für Menschen zu starten, die schon lange tot sind? Warum das ganze?
Warum? Damit wir nicht die gleichen Fehler nochmal machen.
Das Kollektivgedächtnis scheint unter Alzheimer zu leiden. Wenn man die Zeitung aufschlägt und von der Titelseite der neusten Gerüchte über Dieter Bohlen einige Seiten weiter blättert wird einem das auch schnell bewusst. Die Geschichte lehrt uns das Bewusstsein für Dinge offen zu halten, die schon einmal passiert sind und die sich nicht noch einmal abspielen müssen.
Zurück zum Seminar:
Wir haben in der Synagoge gewohnt. Die sieht aus wie ein normales Haus, ich wüsste gar nicht so genau, was sie rein äußerlich von einem Gasthaus unterscheidet. Aber eins gab es da, was es sonst nicht gibt: Juden!!!
UUhhh er hat das böse Wort gesagt. Ja! JUDE!
In Deutschland hat man ein ziemlich gestörtes Verhältnis dazu. Wenn man in Deutschland wagt das Wort „Jude“ in den Mund zu nehmen, halten alle den Atem an um einen dann kurz darauf bei Bedarf mit der Nazikeule nieder zu prügeln. Juden, Israel, der Holocaust oder ähnliche Themen, die mit der deutschen „Erbschuld“ zutun haben werden grundsätzlich nur mit Samthandschuhen angefasst und man macht genau das, was man eigentlich verhindern wollte: man drängt die jüdische Kultur in eine Sonderrolle.
Ich bin richtig froh, dass es hier anders ist. Das Verhältnis ist locker und man kann sagen was man will ohne Angst zu haben in eine antisemitische Ecke gedrängt zu werden. Noch nie in meinem Leben habe ich soviele Judenwitze auf einmal gehört, die meisten von Juden selbst. Selbst der Rabbi hat sich nicht lumpen lassen einige Witze über seine Frau zu erzählen. Hier ist das Verhältnis zu Juden NORMAL. Es interessiert nicht ob das Gegenüber eine Kipa auf dem Kopf hat oder ein Kreuz um den Hals trägt. Juden sind stinknormale Menschen und ich habe bisher noch keine Kriterien entdeckt sie von nicht-Juden zu unterscheiden. Ohne Hörner auf dem Kopf und ohne Schwanz ist das aber auch nicht so einfach muss ich zugeben.
Ich bin es ja gewohnt, dass an Seminaren viel gesoffen wird aber dass das ganze vom Rabbi, dem höchsten jüdischen Geistlichen, angezettelt wird, ist ungewohnt. Den Sabbat, an dem wir teilgenommen haben hat er nicht wie sonst üblich mit Wein, sondern mit koscherem Vodka eingeweiht. So ging der Abend auch zu Ende und ich hatte viel Spaß, zumindest wurde mir das am nächsten Morgen so erzählt.
Fazit:
- interessante Referate
- Aufregende Einblicke in die jüdische Kultur
- Ne Menge Spaß mit den Studenten/Innen